Die Geschichte von Zapchen
Eine Methode, die in einem Wohnzimmer in Kalifornien begann. In australischen Seminarräumen wuchs. In tibetischen Klöstern ihren Namen bekam. Und in den Körpern unzähliger Menschen weiterlebt.
Zapchen ist nicht über Nacht entstanden. Es ist über Jahrzehnte gewachsen — aus Fragen, aus Begegnungen, aus dem Mut, alte Weisheit und neue Erkenntnis miteinander reden zu lassen.
Wer heute zu uns ins Seminar kommt und gähnt, seufzt, summt — der reiht sich ein in eine Linie von Menschen, die diese kleinen Bewegungen ernst genommen haben. Und die darin etwas gefunden haben, das größer ist als die Summe der Übungen.
Wer Zapchen entwickelt hat → Tony Richardson — In Erinnerung →
Die Vorgeschichte — eine Frau auf der Suche
In den 1960er Jahren beginnt eine junge Psychologin namens Julie Henderson in den USA, nach einem Weg zu suchen. Sie ist klug, akademisch ausgebildet, klinisch tätig. Und sie merkt: Was sie über das menschliche Leiden gelernt hat, reicht nicht aus, um zu antworten.
Sie geht zu Charlotte Selver — der Pionierin der Sensory Awareness. Sie lernt bei Alexander Lowen die Bioenergetik. Sie arbeitet mit Milton H. Erickson an hypnotherapeutischen Ansätzen. Sie taucht ein in die Welt der Körperarbeit, lange bevor "somatisch" ein Modewort wird.
Parallel dazu trifft sie auf den tibetischen Buddhismus. Auf Dzogchen — eine der subtilsten Meditationstraditionen Asiens. Auf Lehrer:innen, die sie als ungewöhnlich freie Menschen erlebt: voller Tiefe und gleichzeitig voller Humor.
Und sie stellt sich die eine, einfache Frage:
Wie kann man sich trotz allem wohl fühlen?
Diese Frage wird zum Fundament von allem, was folgt.
Die Begegnung
Julie Henderson begegnet in den 1970er Jahren Tony Richardson — einem australischen Arzt und Psychiater, langjährigem Praktizierenden der Sakya-Linie des tibetischen Buddhismus.
Sie treffen sich über Bioenergetik-Ausbildungen. Beide sind beeinflusst von Somatics, Neurowissenschaft, Hypnotherapie und tibetischem Mind Training. Sie erkennen sich.
Was sie verbindet:
- Eine tiefe Liebe zur praktischen Erfahrung
- Eine Skepsis gegenüber spiritueller Schwere
- Eine Neugier auf das, was wirklich wirkt — jenseits von Tradition und Mode
- Das Gefühl, dass etwas Neues entstehen will, das weder reine Körperarbeit noch reine Meditation ist
Die Anfänge in Australien
In den 1980er Jahren beginnen Julie und Tony, gemeinsam in Australien zu unterrichten. Sie gründen dort ein Institut für somatische Psychotherapie. Die Seminare sind klein, die Ausbildung intensiv.
Was sie unterrichten, hat noch keinen Namen.
„We started off as almost pure body workers," erinnerte sich Tony später.
„And then we met Tibetan masters. We didn’t understand anything of what was happening, because in those days there was very little explanation. They would come and they would speak — and there we go.
But because we were already trained in body work, we could feel what was being asked of us inside."
Sie verstehen nicht alles. Aber sie spüren, worum es geht. Der Körper versteht schneller als der Kopf.
Langsam entsteht eine eigene Praxis. Sehr einfach an der Oberfläche: hinlegen, atmen, summen, schaukeln, hüpfen, lachen. Unter der Oberfläche: die Verbindung von westlicher Körperarbeit mit tibetischer Meditationspraxis.
Der Name
Es ist Gyalsay Tulku Rinpoche, einer von Julies wichtigsten Lehrern, der schließlich einen Namen vorschlägt:
Zapchen.
Tibetisch. Schwer zu übersetzen. Etwas zwischen „verrückt-freche Übung" und „ordnungsstörende Lebendigkeit" — eine Qualität, die der westlichen Spiritualität oft fehlt. Die Erlaubnis, dass tiefe Praxis auch leicht sein darf. Dass das Kindliche und das Reife zusammengehören.
„Zapchen points to possibilities of change and maturation deeper than we can guess at. In a gesture that itself reveals the meaning, my heart teacher, Gyalsay Tulku Rinpoche, suggested Zapchen as the name for this work."
— Julie Henderson, Embodying Well-Being
Der Name ist kein Zufall. Er bringt zusammen, was zusammengehört: westliche Arbeit am Körper, tibetische Schulung des Geistes, kindliche Lebendigkeit und ernsthafte Tiefe.
Mehr zu den buddhistischen Wurzeln →
Das Labor von Paul Ekman
In den 1990er Jahren erfährt Julie von der Forschung des amerikanischen Psychologen Paul Ekman — eines der Gründerväter der modernen Emotionsforschung.
Ekman hatte gezeigt: Bestimmte Gesichtsmuskeln können Emotionen erzeugen, nicht nur ausdrücken. Die Wirkung läuft in beide Richtungen.
Julie schreibt ihm. Sie erklärt, dass sie das versteht — und dass sie noch andere Wege kennt, solche Zustandsveränderungen herbeizuführen. Ekman lädt sie in sein Labor an der University of California in San Francisco ein.
Was dann geschieht, hat Ekman so beschrieben:
„We attached the electrodes to different parts of her body to measure the changes in her physiology. (…) Julie generated an increase of over 100 beats per minute, and it happened instantly when she made a particular face and body. Equally astounding, she could generate these same changes without making a sound or moving a facial muscle — just by concentrating on her knowledge of how the body works."
— Paul Ekman, im Vorwort zu Embodying Well-Being
Ekmans Fazit:
„She is a marvel. I don’t know if all of her explanations are correct, but the exercises do work, they can change your experience and sensations. I recommend them to you."
Das war nicht spirituelle Esoterik. Es war messbar — und reproduzierbar.
Das Buch
1999 erscheint Embodying Well-Being. Or how to feel as good as you can in spite of everything.
Das erste schriftliche Werk zur Methode. Ein Praxisbuch: 22 Grundbewegungen auf je zwei Seiten — Wie und Warum. Vom Gähnen über das Schaukeln bis zu fortgeschrittenen Praktiken.
Julies Stil im Buch ist unverwechselbar: schlicht, manchmal lakonisch, oft mit trockenem Witz, aber auch sehr zart. Sie schreibt, wie sie unterrichtet — als ob sie neben dir säße.
„There is no reason on earth to use this book unless you want to. (…) What this book is FOR is to show you — rather, remind you — of the kinds of simple things we can do to feel better in ourselves, NO MATTER WHAT ELSE IS GOING ON."
Das Buch wird zum Standardwerk. Neunte erweiterte Auflage mittlerweile. Deutsch und englisch erhältlich.
Wie Zapchen nach Europa kam
In den 1990er Jahren beginnen Julie und Tony, regelmäßig in Europa zu unterrichten. Vor allem im deutschsprachigen Raum entsteht eine Gemeinschaft von Schüler:innen — Menschen aus Therapie, Pädagogik, Körperarbeit, Pflege, Wirtschaft. Sehr unterschiedliche Biografien, ein gemeinsamer Herzschlag.
Lorenz Schirmer und Brigitte Schwarz sind seit 1998 dabei. Über 25 Jahre direkter Ausbildung. Hunderte Tage gemeinsamer Praxis. Und eine Autorisierung als Lehrer:innen — bei Julie kein formaler Akt, sondern ein gewachsenes Vertrauen.
Über Lorenz, Brigitte und Idefix →
Heute gibt es im deutschsprachigen Raum den Zapchen Tsokpa — den Dachverband der Zapchen-Lehrer:innen. Tsokpa heißt auf Tibetisch: Versammlung, Gemeinschaft. Ein Wort, das gut passt.
Die stille Entwicklung der Methode
Was vielen nicht bewusst ist: Zapchen hat sich über die Jahrzehnte verändert.
Die ersten Jahre waren fast reine Körperarbeit. Hinlegen. Atmen. Kontakt zum Boden. Blockaden lösen. Tony selbst hat das 2022 rückblickend reflektiert:
„We’ve done body work, we removed the blockages and so on. But what we became aware of, is that then we’d make people’s problems an enemy. Or we’d fix one blockage, and people would come back and say: ‚Now there’s a new one.‘
And we started to notice that fixing wasn’t the path."
Also verschoben sie den Fokus. Weg vom Reparieren — hin zum Wohlbefinden selbst.
Später — in den 2000er und 2010er Jahren — kamen feinere Ebenen dazu: die Arbeit mit dem, was Tony die „flow patterns" nannte, die fein wahrnehmbaren Bewegungen zwischen den Zellen, das, was in der wissenschaftlichen Sprache als Grundsubstanz oder extrazelluläre Matrix beschrieben wird.
„Those fluids are in communication with each other. There are currents within that communication. Waves. And they carry substances. (…) And as we went into that, people started to talk about being happy in a way that we hadn’t seen before."
Zapchen wuchs. Nicht als neue Schule, nicht als Dogma. Als lebendige Praxis, die sich an ihren Praktizierenden weiterentwickelt.
Tonys Tod — Sommer 2025
Am 5. August 2025 ist Tony Richardson verstorben.
Er war bis zuletzt klar. Im Sommer davor — beim Retreat in Stauf — sprach er zur Zapchen-Gemeinschaft ein letztes Mal grundsätzlich. Was er dort sagte, ist sein Vermächtnis an alle, die Zapchen weitertragen:
„This Zapchen is now yours. You need to talk between yourselves about what I’m saying.
So there is no price to pay. You cannot get it wrong any more than I got it wrong so many times. But again, it’s your decision and it’s your discussion."
Er bat uns, die beiden Wurzeln — Körperarbeit und tibetisch-buddhistische Tradition — nicht auseinanderzureißen:
„Zapchen was born with the togetherness of that. (…) It’s always appropriate as a Zapchen practitioner to hold these two things together."
Wir tragen diese Bitte weiter.
Tony Richardson — In Erinnerung →
Was bleibt, was sich verändert
Julie Henderson unterrichtet mit über 80 noch — seltener als früher, aber unverändert klar. Sie beantwortet Fragen. Sie bildet aus. Sie schreibt gelegentlich.
Die Methode lebt weiter durch alle, die sie ausüben. Lehrer:innen im deutschsprachigen Raum, in den USA, in Australien, zunehmend auch in anderen Ländern.
Was sich verändert hat: Die Wissenschaft hat aufgeholt. Was vor 40 Jahren nach Esoterik klang — „Summen reguliert das Nervensystem" — steht heute in begutachteten Fachzeitschriften.
Was geblieben ist: Die Haltung. Die Einfachheit. Die Erlaubnis, dass tiefe Praxis auch leicht sein darf. Und das tibetische Wort, das niemand sauber übersetzen kann.
Lesen, hören, vertiefen
Bücher von Julie Henderson:
- Embodying Well-Being. Or how to feel as good as you can in spite of everything — die wichtigste schriftliche Quelle
- Das Buch vom Summen
- Die Erweckung des Inneren Geliebten
- Gute Nacht Geschichten zum Aufwachen
- Das Zapchen Somatic Yi Jing
Podcast (englisch):
Neil Sattin im Gespräch mit Julie Henderson — ein langes, ruhiges Gespräch.
Dachverband:
zapchen.de — Zapchen Tsokpa, die Gemeinschaft der Zapchen-Lehrer:innen im deutschsprachigen Raum.
Der nächste Schritt
Geschichte verstehen ist schön. Im eigenen Körper ankommen ist schöner.
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