Die buddhistischen Wurzeln
Zapchen ist nicht losgelöst entstanden. Es hat eine Wurzel — und sie liegt in der tibetisch-buddhistischen Tradition, vor allem im Vajrayana und in der Sakya-Linie. Diese Seite erzählt davon. Klar, ehrlich, ohne dich zu einer spirituellen Praxis zu drängen, die du nicht möchtest.
Du musst nicht Buddhist:in werden
Lass uns das gleich am Anfang klarstellen.
Zapchen ist keine Religion. Du musst keine Mantras singen, keine Buddha-Statuen aufstellen, keine Glaubenssätze übernehmen. Du kannst zu uns kommen als Atheist:in, als Christ:in, als Muslimin, als jüdischer Mensch, als jemand, der mit Spiritualität gar nichts anfangen kann.
Du wirst trotzdem die Wirkung der Übungen erfahren. Dein Körper braucht keinen Glauben.
Was wir aber nicht tun, ist die Wurzel zu verschweigen.
Das hat einen Grund. Und der Grund kommt von Tony.
Tonys Vermächtnis
Im Sommer 2025, kurz vor seinem Tod, sprach Tony Richardson zur Zapchen-Gemeinschaft beim Sommer-Retreat. Er sagte etwas, das wir uns als Verpflichtung mitgenommen haben:
„Although it is really good to have outside teachers, and I support it very strongly, it is not so good from Zapchen’s point of view to split Tibetan Buddhism here and Zapchen here, because Zapchen was born with the togetherness of that.
I understand the wonderful projects you are involved in, and it is not always appropriate to refer to Buddha or to such rituals. But it’s always appropriate as a Zapchen practitioner to hold these two things together.“
— Tony Richardson, Stauf, August 2025
Mit anderen Worten: Wir müssen den Buddhismus nicht in jedem Seminar erwähnen. Wir müssen keine tibetischen Begriffe verwenden, wenn wir mit Lehrer:innen, Pflegekräften oder Manager:innen arbeiten.
Aber wir vergessen ihn nicht. Innerlich, als Zapchen-Praktizierende, halten wir beide Welten zusammen. So, wie sie immer zusammengehört haben.
Was bedeutet „Zapchen“?
Zapchen (རྫབ་ཆེན) ist ein tibetisches Wort. Es lässt sich nicht sauber übersetzen. Am ehesten so:
Verrückt-freche Übung. Liebevoll-freche Handlung. Ein bisschen heilig, ein bisschen kindisch.
In der tibetischen Tradition steht Zapchen für eine Qualität, die der westlichen Spiritualität oft fehlt: die Erlaubnis, dass tiefe Praxis auch leicht sein darf.
Dass man lacht und gleichzeitig bei sich ist. Dass eine Übung wirken kann, ohne ernst zu sein. Dass kindliches Spiel und reife Praxis sich nicht widersprechen.
Es war Gyalsay Tulku Rinpoche, einer von Julies wichtigsten Lehrern und Tonys engster Lehrer, der vorschlug, ihre und Tonys gemeinsame Praxis Zapchen zu nennen. Damit machte er etwas klar: Was sie da entwickelt hatten, war nicht nur westliche Körperarbeit. Es trug eine alte Qualität in sich.
Die Wurzel: Vajrayana und Sakya
Der buddhistische Hintergrund von Zapchen liegt vor allem im tibetischen Vajrayana — und bei Tony persönlich in der Sakya-Linie.
Vajrayana
Vajrayana — auch tantrischer oder esoterischer Buddhismus genannt — ist die Form des Buddhismus, die sich besonders in Tibet entfaltet hat. Im Westen wird Tantra oft missverstanden als sexuelle Praxis. Das ist es nicht.
Vajrayana arbeitet mit dem, was wir alle in uns tragen: Körper, Atem, Stimme, Vorstellungskraft, Beziehung. Es nimmt Emotion ernst — nicht als etwas, das überwunden werden muss, sondern als Energie, die transformiert werden kann.
Vajrayana sagt nicht: „Verleugne deine Wut.“
Vajrayana sagt: „Werde so groß, dass deine Wut keine Bosheit mehr braucht.“
Sakya
Sakya ist eine der vier großen Schulen des tibetischen Buddhismus, benannt nach dem grauen Felsen (sa-skya) in Tibet. Die Sakya-Tradition ist bekannt für ihre philosophische Präzision und den Lam-Dre-Unterweisungsweg („Der Weg und seine Frucht“).
Tony Richardson war langjähriger Sakya-Praktizierender. Sein engster Lehrer war der 14. Gyalsay Tulku Rinpoche, Gründer von Sakya Tharpa Ling in Sydney — und derselbe Meister, der der Zapchen-Praxis ihren Namen gab. Enge Verbindungen bestanden bis zuletzt auch zu Aenpo Kyabgon Rinpoche und Khenpo Ngawang Dhamchoe vom Drogmi Buddhist Institute in Australien.
Diese Verwurzelung in der Sakya-Linie — mit ihrer präzisen Philosophie, ihrer Meditationspraxis und ihrem Verständnis von Körper und Geist als untrennbare Einheit — prägte Tonys Blick auf Zapchen zutiefst.
Dzogchen
Dzogchen ist eine besondere Praxislinie innerhalb des tibetischen Buddhismus. Sie zielt auf die direkte Erkenntnis der Natur des Geistes — nicht durch Anstrengung, sondern durch das Erkennen dessen, was bereits da ist, sobald wir aufhören zu greifen.
Julie hat Dzogchen-Praxis vertieft. Beides klingt in fortgeschrittenen Zapchen-Übungen mit, ohne dass es benannt werden muss.
Die vier Grundprinzipien
In einem der letzten langen Gespräche, die er mit Lorenz führte, sprach Tony über die vier grundlegenden Prinzipien, die er seinen Schüler:innen mit auf den Weg gab — nicht als Glaubenssätze, sondern als Hintergrundmelodie eines Lebens, das gut leben will.
1. Du bist außergewöhnlich
„Whether you become a buddha today or tomorrow or whatever, you will never be more precious than you are already. Because this is a very rare thing — to be the human being that you are.“
— Tony
Ein menschlicher Körper, ein bewusster Geist, die Fähigkeit, Fragen zu stellen — das ist eine seltene Gabe. Vergiss das nicht.
2. Was du heute tust, prägt morgen
Das ist Karma, schlicht gesagt. Du beginnst nicht jeden Tag bei null. Was du heute übst — körperlich, mental, in Beziehungen — prägt das, was morgen verfügbar ist.
3. Wir sind verbunden
Mit anderen Menschen, mit Tieren, mit dem, was uns trägt. Was du tust, wirkt auf andere. Was andere tun, wirkt auf dich. Das ist keine moralische Forderung. Es ist eine schlichte Beschreibung der Wirklichkeit.
4. Alles verändert sich
Vergänglichkeit ist nicht der Feind. Vergänglichkeit ist die Grundbedingung. Wenn du dagegen kämpfst, leidest du. Wenn du sie zulässt, wirst du frei.
„If you fight change, you’re going to suffer. (…) Suffer is inevitable.“
Wenn diese vier Prinzipien in dir leben — sagte Tony — dann ist es egal, ob du Körperarbeit machst, meditierst oder gar nichts. Du bist auf dem Weg.
Die fundamentale Umkehrung
Eines der zentralen Prinzipien, die Julie aus dem Vajrayana-Buddhismus mitgebracht hat, ist eine fast unscheinbare Umkehrung:
Westliche Therapie und Selbsthilfe beginnt meist beim Problem. „Was stört dich? Was tut weh? Was muss bearbeitet werden?“
Vajrayana und Zapchen beginnen woanders. Sie beginnen bei dem, was schon da ist — bei der Möglichkeit von Wohlbefinden, die in jedem Körper bereits existiert.
„We move to free movement, breath, and sound, strengthen ground, restore alignment, and renew pulsation, then we consider what problem or dilemma may be felt to remain.“
— Julie Henderson
Erst Wohlbefinden. Dann das Problem. Das klingt fast naiv. Es ist es nicht.
Es ist eine Übung in Vertrauen. Vertrauen darauf, dass etwas in dir bereits weiß, wie es sein sollte.
Wenn dich der Buddhismus interessiert
Tony hat gesagt: „Es ist gut, gute Lehrer:innen draußen zu haben. Ich unterstütze das sehr.“
Wenn dich der buddhistische Hintergrund von Zapchen anspricht — such dir gute tibetisch-buddhistische Lehrer:innen. Es gibt viele im deutschsprachigen Raum, aus den großen Linien (Sakya, Nyingma, Drukpa, Kagyu).
Wir empfehlen das ausdrücklich. Aber wir tun es nicht zur Voraussetzung.
Du kannst Zapchen üben, ohne je einen tibetischen Lehrer zu treffen. Die Wirkung der Übungen hängt nicht davon ab.
Was wir aber tun: Wir benennen die Wurzel. Damit niemand das Gefühl hat, sich später getäuscht zu fühlen, wenn er oder sie merkt, woher diese Praxis kommt.
Wenn dich der Buddhismus eher abschreckt
Auch das verstehen wir. Vielleicht hast du schlechte Erfahrungen mit Religionen gemacht. Vielleicht möchtest du einfach nur, dass dein Nervensystem zur Ruhe kommt — ohne Buddha, ohne Sanskrit, ohne Räucherwerk.
Das ist absolut in Ordnung.
Bei uns wird in den Seminaren nicht gepredigt. Es wird geübt. Niemand wird gefragt, ob er oder sie an irgendetwas glaubt. Du machst die Übungen, die zu dir passen.
„Mach ja nichts, was du nicht machen magst. Dein Nein ist eine ganz wichtige Superkraft!“
— Willie der Wombat (und ehrlich: auch Julie und Tony)
Worum es eigentlich geht
Was Julie und Tony aus dem Buddhismus mitgebracht haben, ist nicht in erster Linie ein Glaubenssystem. Es ist eine Haltung:
- Den Körper als Freund verstehen, nicht als Maschine
- Den Geist nicht zu verbessern versuchen, sondern zu erkennen
- Das Tun und das Sein als Geschwister behandeln
- Das Lachen und das Stille zusammenhalten
- Den Schmerz nicht verleugnen, aber ihm nicht das Steuer überlassen
- Die Vergänglichkeit anerkennen, ohne ins Resignieren zu fallen
Das ist nichts, was nur Buddhist:innen tun können. Das ist menschliche Praxis. Sie hat in Tibet eine besonders klare Sprache gefunden. Aber sie gehört uns allen.
Zum Weiterlesen
Wenn du tiefer einsteigen möchtest:
- Über das Vajrayana: Reginald Ray, Indestructible Truth: The Living Spirituality of Tibetan Buddhism
- Über Dzogchen: Chögyam Trungpa, Spiritueller Materialismus; Tenzin Wangyal Rinpoche, Wonders of the Natural Mind
- Über die Sakya-Linie: Drogmi Buddhist Institute (Tonys Gemeinschaft in Australien)
- Über Buddhismus und Körper: Reggie Ray, Touching Enlightenment: Finding Realization in the Body; David Treleaven, Trauma-Sensitive Mindfulness
- Aus der Zapchen-Tradition: Julie Henderson, Embodying Well-Being; Julie Henderson, Das Buch vom Summen
Praxis statt Doktrin
Wir schließen mit Julies Worten:
„The exercises in this book will all — if you let them — help you to move towards bodily, energetic, and mental well-being. They will do this NO MATTER WHAT ELSE IS GOING ON. If you let them. That’s the hard part. The only hard part.“
Die schwerste Aufgabe ist nicht, die richtige Tradition zu wählen. Die schwerste Aufgabe ist, sich selbst zu erlauben, dass es funktionieren darf.
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