Julie Henderson
Begründerin von Zapchen Somatics. Klinische Psychologin. Körperpsychotherapeutin. Schülerin tibetisch-buddhistischer Meister. Lehrerin. Autorin.
Geboren 1941 in Dallas, Texas.
Die Frage, die Julie ihr Leben lang begleitet hat, ist einfach. Sie ist auch die Frage, die sie uns weitergegeben hat:
Wie kann man sich trotz allem wohl fühlen?
Nicht: Wie wird man krankheitsfrei?
Nicht: Wie wird man perfekt?
Sondern: Wie kann ein Mensch — bei allem, was schief läuft, was wehtut, was nicht zu ändern ist — trotzdem in sich zu Hause sein?
Diese Frage wurde zu Zapchen Somatics.
Ihr Weg
Julie wuchs in den USA auf, studierte klinische Psychologie. Sie arbeitete früh mit Menschen, die unter Trauma, Depression und Erschöpfung litten. Aber sie merkte schnell: Was sie an der Universität gelernt hatte, reichte nicht aus.
Worte allein bewegen das System nicht. Einsicht allein heilt nicht.
Also ging sie weiter. Sie lernte bei den Pionier:innen der amerikanischen Körperarbeit:
- Charlotte Selver — Begründerin der Sensory Awareness, einer schlichten Praxis des Spürens
- Alexander Lowen — Mitbegründer der Bioenergetischen Analyse
- Milton H. Erickson — der große amerikanische Hypnotherapeut
- Richard Bell — Körperpsychotherapeut
- George Thomson, Kathy L. Kain, Robyn Lee Speyer — Lehrer:innen aus Bodywork und somatischer Psychologie
Und sie traf — ab Mitte der 1970er Jahre — auf den tibetischen Buddhismus.
Die Begegnung mit Tibet
In den 1970ern begegnete Julie tibetisch-buddhistischen Meistern:
- Kundun Gyalwang Drukpa — Oberhaupt der Drukpa-Linie
- Vairocana Tulku
- Chagdud Tulku Rinpoche
- Gyalsay Tulku Rinpoche — der schließlich vorschlug, ihre Praxis Zapchen zu nennen
Was sie bei diesen Lehrern fand, war nicht in erster Linie eine Lehre. Es war eine Art zu sein.
Sie waren tief, freundlich, oft humorvoll. Sie waren nicht spirituell-schwer. Sie waren lebendig.
Und sie übten Dinge, die Julies Körper sofort verstand — manchmal noch bevor ihr Verstand mitkam: das Sich-Hinlegen, das Tönen, das Schaukeln, das Atmen, das einfache Da-Sein.
Über Jahrzehnte vertiefte sich diese Verbindung. Vor allem in die Dzogchen-Tradition — eine der subtilsten Praxislinien des tibetischen Buddhismus, die auf die direkte Erkenntnis der Natur des Geistes zielt.
Wie Zapchen entstand
Mit ihrem Weggefährten Tony Richardson — einem australischen Arzt und Bön-Schüler — begann Julie in den späten 1970ern und 1980ern, eine eigene Praxis zu entwickeln. Sie nannten sie noch nicht Zapchen. Sie wussten nicht, was es werden würde.
Sie begannen einfach.
„From the beginning, the student learns to recognize what can be done directly and immediately to increase freedom of movement, breath, and sound; to renew ground, alignment, and pulsation. (…) We move to free movement, breath, and sound, strengthen ground, restore alignment, and renew pulsation, then we consider what problem or dilemma may be felt to remain."
— Julie Henderson, Embodying Well-Being
Mit anderen Worten: Erst kommt das Wohlbefinden. Dann das Problem.
Eine kleine, aber radikale Umkehrung.
Die meisten westlichen Therapieformen beginnen mit dem Problem. Julie und Tony begannen — vorsichtig, achtsam, aber konsequent — mit dem, was schon da war: Bewegung, Atem, Klang, Boden.
Erst Jahre später bekam diese Praxis ihren Namen. Es war Gyalsay Tulku Rinpoche, der ihn vorschlug:
Zapchen.
Tibetisch. Schwer zu übersetzen. Etwas zwischen „verrückt-freche Übung" und „ordnungsstörende Lebendigkeit" — eine Qualität, die im westlichen Spirituellen oft fehlt: dass tiefe Praxis auch leicht sein darf. Dass Lachen heilig sein kann. Dass das Kindliche nicht gegen das Erwachsene steht.
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Im Labor von Paul Ekman
Eine bemerkenswerte Begegnung in den 1990er Jahren:
Julie las von der Forschung des amerikanischen Psychologen Paul Ekman — eines der Gründerväter der modernen Emotionsforschung. Ekman hatte gezeigt, dass bestimmte Gesichtsmuskeln unterschiedliche emotionale Zustände erzeugen können — nicht nur ausdrücken. Die Wirkung geht in beide Richtungen: vom Gefühl zum Gesicht, und vom Gesicht zum Gefühl.
Julie schrieb Ekman, dass sie das verstünde — und dass sie noch andere Wege kenne, diese Veränderungen herbeizuführen.
Ekman lud sie in sein Labor ein.
„We attached the electrodes to different parts of her body to measure the changes in her physiology. (…) She could generate the same changes without making a sound or moving a facial muscle, just by concentrating on her knowledge of how the body works. (…) She is a marvel."
— Paul Ekman, im Vorwort zu Embodying Well-Being
Das war nicht spirituelle Esoterik. Es war messbar.
Es war auch nicht „nur" messbar — es war Julies lange somatische und meditative Übung, die sich da im EKG zeigte.
Embodying Well-Being
1999 erschien Julies Buch — das wichtigste schriftliche Werk der Methode:
Embodying Well-Being. Or how to feel as good as you can in spite of everything.
Es ist kein theoretisches Buch. Es ist ein Praxisbuch. 22 Grundbewegungen, je auf zwei Seiten beschrieben — Wie es geht, und Warum es geht. Vom Gähnen über das Schaukeln, das Summen, das Lachen bis zu Übungen, die Julie „moves from the middle of the road" nannte: tiefere Praxis für alle, die schon weiter sind.
Mittlerweile in der 9. überarbeiteten Auflage. Auf Deutsch und Englisch erhältlich.
Julies Stil im Buch ist unverwechselbar: schlicht, manchmal lakonisch, oft mit einem trockenen Witz, aber auch zart. Sie schreibt, wie sie unterrichtet — als ob sie neben dir säße.
„There is no reason on earth to use this book unless you want to. (…) What this book is FOR is to show you — rather, remind you — of the kinds of simple things we can do to feel better in ourselves, NO MATTER WHAT ELSE IS GOING ON."
„If you object to an exercise, don’t do it. If you decide to do it anyway, express your objections first. This means: refuse, complain, moan and groan before you do it."
„Do less rather than more. Put your effort into letting it be easy."
Ihre Lehrer:innenschaft
Julie hat über Jahrzehnte unterrichtet. Vor allem in den USA und im deutschsprachigen Raum.
Sie hat keine Schule im klassischen Sinn gegründet. Keine Hierarchie aufgebaut. Keine Zertifizierungs-Industrie.
Was sie getan hat: weitergegeben, was sie selbst empfangen hat. Direkt. Von Mensch zu Mensch.
Wer authentisch weitergibt, was er oder sie verstanden hat, bekommt von ihr die Autorisierung als Lehrer:in. Das ist kein formaler Akt. Es ist ein gewachsenes Vertrauen.
Lorenz Schirmer und Brigitte Schwarz sind seit 1998 Julies und Tonys direkte Schüler:innen. Über 25 Jahre Praxis, hunderte gemeinsame Tage. Diese Verbindung trägt unsere Arbeit hier.
Über Lorenz, Brigitte und Idefix →
Heute gibt es im deutschsprachigen Raum den Zapchen Tsokpa — den Dachverband der Zapchen-Lehrer:innen. Tsokpa heißt auf Tibetisch: Versammlung, Gemeinschaft.
Wer Julie heute ist
Julie ist jetzt über 80. Sie unterrichtet noch — seltener als früher, aber unverändert klar. Wer Sie erlebt hat, beschreibt es oft so:
Sie ist klar wie ein Bergsee. Und gleichzeitig völlig respektlos gegenüber spiritueller Schwere. Sie kann eine schmerzhafte Erkenntnis aussprechen und im nächsten Moment albern werden. Beides ist echt.
Sie würde es vermutlich anders sagen.
Sie würde sagen: „I’m just trying to figure out how to feel as good as I can, in spite of everything."
Und damit hätte sie recht.
Was sie uns mitgegeben hat
Wenn man Julies Beitrag in einem Satz sagen müsste:
Sie hat uns die Erlaubnis zurückgegeben, uns wohl zu fühlen — bevor alles in Ordnung ist.
Das klingt einfach. Es ist es nicht.
Die meisten von uns warten. Wir warten, bis das Projekt fertig ist. Bis die Krise vorbei ist. Bis wir mehr Geld haben, mehr Zeit, mehr Gesundheit. Bis wir uns selbst genügend verbessert haben.
Julie sagt: Mach das nicht.
Mach jetzt eine kleine Bewegung. Atme jetzt einen Atemzug tiefer. Gähne, wenn dir danach ist. Schaukle leicht. Summ vor dich hin.
„The only hard part. If you find yourself willing to try this odd experiment — to move to feel better without waiting to change circumstances or yourself before you feel better, welcome."
Willkommen.
Zum Weiterlesen
Bücher von Julie Henderson:
- Embodying Well-Being. Or how to feel as good as you can in spite of everything. (1999, ständig erweitert)
- Das Buch vom Summen
- Die Erweckung des Inneren Geliebten
- Gute Nacht Geschichten zum Aufwachen
- Das Zapchen Somatic Yi Jing
Podcast (englisch):
Neil Sattin im Gespräch mit Julie Henderson — ein langes, ruhiges Gespräch.
Alle empfohlenen Bücher und Quellen →
Tony Richardson — In Erinnerung → Die buddhistischen Wurzeln → Die Geschichte von Zapchen →
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